
Das Klima in der Auvergne ist rau. Wenn der Westwind die Wolken vom Atlantik auf den Kontinent bläst, dann verfangen sie sich hier zuerst und kreisen tagelang herum:
in den Schluchten des Zentralmassivs, dessen schwarze, rifflige Vulkanfelsen nur selten zu sehen sind, weil dichter Wald sie bedeckt. "Westwind, Westwind, wann flüsterst du? Der feine Regen könnte fallen", singen Johanette Zomer und Jan Kobow. Und weiter: "Christus, Christus, wenn doch meine Liebe in meinen Armen wäre und ich dazu noch in meinem Bett!"
Es ist Sonnabendvormittag, wir sind in der kleinen Kirche von Vals bei Le Puy-en-Velay, einem berühmten Wallfahrtsort der Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Daniel Reuss, Chefdirigent des RIAS Kammerchors, probt hier die Gesangssoli aus der Cantata von Igor Strawinsky. "Sehr schön", sagt er zum Cellisten der Musikfabrik Köln, "aber du müsstest leiser spielen". "Klingt es zu dick?", fragt der junge Mann zurück. "Nein, zu heiß", sagt Daniel Reuss. "Es müsste verliebter klingen, jetzt klingt es zu geil. Tänzerischer wäre schöner".
Selten gibt Daniel Reuss solche Anweisungen. Er nimmt ungern zu Bildern Zuflucht, meistens beschränkt er sich aufs Technische. Auch wenn er mit dem RIAS Kammerchor arbeitet, den er seit August 2003 leitet, liebt er es nicht, den Sängern in einem Referat den Text auszulegen. Es stecke alles in der Musik, und die Auseinandersetzung mit den Texten sei Sache jedes einzelnen Sängers, sagt er. Die seien ja schließlich gebildete Menschen, und man sehe gerade auf einer Tournee wie dieser, dass sie in ihrer freien Zeit viel lesen.
Seit dem 11. August ist der RIAS Kammerchor in Frankreich, heute Abend kommt er nach Berlin zurück. Seine Position in Frankreich ist für ein deutsches Ensemble einzigartig. Bettina Pesch, die Intendantin der Berliner Rundfunkorchester und -Chöre GmbH, zu der der Chor gehört, brachte es Anfang April auf die nüchterne Formel: "Er besitzt dort einen hohen Marktwert".
Der große Erfolg setzte vor etwas mehr als zehn Jahren ein, als René Jacobs, einer der führenden Interpreten Alter Musik, zum ersten Mal eine CD-Aufnahme mit dem RIAS Kammerchor für das Label harmonia mundi france machte. Seither arbeitet der Chor exklusiv für die französische Firma, und seine starke Präsenz auf dem Plattenmarkt führte dazu, dass auch die zahlreichen Festivals den Chor immer häufiger einluden.
Frank Druschel, seit 1998 Chordirektor, ist es gelungen, die Zahl der jährlichen Konzerte zu verdoppeln. Von den mehr als fünfzig Konzerten dieser Saison finden über dreißig im Ausland statt. Das bringt dem Chor nicht nur Ansehen, es bringt vor allem Geld. Innerhalb des rein künstlerischen Etats erreicht der Chor einen Refinanzierungsgrad um die 75 Prozent. Rechnet man die Fixkosten hinzu, steht er mit mehr als 30 Prozent Eigeneinnahmen immer noch sehr gut da. Doch von Geld ist nicht viel die Rede bei Druschel und Reuss. Eher spürt man im Gespräch einen regelrechten Kunst-Rigorismus. "Les Noces" von Strawinsky haben sie seit langem unbedingt machen wollen. Die Plattenfirma hat sich für dieses doch eher spröde Projekt begeistert, das Festival de Piano im provenzalischen La Roque d'Anteron auch. Damit rechnete sich der Ehrgeiz wieder. Daniel Reuss liebt Strawinsky. Dessen späte Klagegesänge, die "Threni", sind neben Bachs h-Moll-Messe für ihn der Höhepunkt an Konstruktivität in der Chormusik.
Karge Musik aus dem Spätwerk Strawinskys steht auch auf dem Programm des Konzerts, das Reuss in der mächtigen Abtei von La Chaise-Dieu, tausendeinhundert Meter hoch im Gebirge gelegen, dirigiert. Vor 39 Jahren hatte der Pianist György Cziffra hier ein Musikfestival ins Leben gerufen, das in der dünnbesiedelten und wirtschaftlich schwachen Region Haute-Loire ein echtes Wagnis darstellt. Wie Jean-Michel Mathé, der junge Generaldirektor, erläutert, bekommt das Festival nur ein Drittel seines Etats aus öffentlichen Mitteln. Fast 45 Prozent muss es selbst erwirtschaften. Die Kartenpreise für einen Platz im Chorgestühl, das den Sarkophag von Papst Clemens VI. rahmt, liegen bei 77 Euro. Das Konzert ist restlos ausverkauft, trotz der nicht leicht zugänglichen Musik. Für Mathé war dieses Programm sicher eine mutige Entscheidung. Bei den übrigen Konzerten des Festivals widmen sich sehr bekannte Interpreten noch viel bekannteren Werken des 16. bis 19. Jahrhunderts. In einer Region ohne feste Ensembles hat so ein Programm aber auch den Charakter einer musikalischen Grundversorgung.
Reuss geht dagegen mit dem Chor deutlich auf die Gegenwart zu und will weiterhin neue Werke in Auftrag geben. Sein Kunst-Rigorismus zeigt sich aber auch in der Skepsis, mit der er Image-Kampagnen gegenübersteht, in denen Ensembles ihre Arbeit immer als besonders jugendlich und lustig darstellen müssen. "Man darf sich nicht verbiegen", sagt er. "Man muss dem Charakter der Musik, die man macht, treu bleiben. Die ist in unserm Fall meistens sehr ernst und - das muss man sich eingestehen - auch elitär".
RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de
