
Zum Saisonende gab es geistliche Musik aus dem Ostseeraum und aus Rußland - das Konzept des Rias-Kammerchors ging auf, der Erfolg war groß.
Warum soll man die Glaubensbeschallung dem Vatikan überlassen, schließlich war auch Alfred Schnittke Deutscher oder zumindest halber Deutscher und sehr geneigt, gelegentlich eine Enzyklika ins Land zu schicken. Die schlagen sich zwar vorwiegend mit dem Teufel herum, aber es gibt von ihm auch meditative Sakralwerke.
Nicht immer hat er sie so genannt, bei den "Bußversen" besteht jedoch kein Zweifel an Genre und Inhalt. Sie entstanden 1988, als sich die Religion wieder langsam ans Moskauer Tageslicht wagen durfte - und jetzt wagt sie sich zu uns. Die Gedichte russischer Mönche aus dem 16. Jahrhundert kreisen um den beinharten Kern des Christentums: die Erbsünde. Damit ist uns eigentlich das Werk ebenso fern wie die gesellschaftlichen Umstände, unter denen es entstand; die östlichen Weisheiten treffen im Westen eher auf eine Leerstelle denn auf innige Bedürfnisse. Sie werden als Beruhigungsmittel konsumiert, auch als tönendes Abbild einer Welt, die wir weniger bestaunen würden, müßten wir in ihr leben.
Zwei weitere Werke des Abends, das bukolisch-friedfertige "Window" von Peteris Vasks und das rhetorische "Dopo la vittoria" von Arvo Pärt, präsentierten diese osteuropäische Religiosität noch eindeutiger als der zwischen Judentum, Katholizismus und Atheismus schwankende Schnittke.
Der Rias-Kammerchor unter dem lettischen Dirigenten Karpars Putnins formulierte die vokalen Bekenntnisse sehr transparent, ließ einzelne Stimmen durch die Textur schimmern, brachte es mitunter sogar fertig, im mächtigen Unisono das Dach des Kammermusiksaals ein paar Zentimeter anzuheben. Meistens war man aber sehr elegisch. Zwei Stücke mieden den andächtigen Rückwärtsgang: "Psalm 15" der hierzulande unbekannten Maija Einfelde verweigert sich dem modischen Wohlklang, und Sven-David Sandströms "Laudamus te" ist überhaupt nicht baltisch geprägt, sondern aus Schweden. Mit irrsinniger Beschleunigung surfen seine Klangwellen ans Ufer. Sakrales kann durchaus auch unterhaltsam sein.
RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
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