
Durch sogenannte Raritätenländer läßt sich überall und seit Jahrhunderten reisen. Die Mozart-Raritäten, die Daniel Reuss mit dem Rias-Kammerchor im Konzerthaus einsammelte, gestützt dabei auf die zuverlässige Akademie für Alte Musik, könnte man natürlich durch eine reiche Prise von Goethe-Raritäten ergänzen.
Doch wieviel Interesse würde sich schon um dessen "Groß-Cophta" sammeln? Immerhin gibt es unter den Mozart-Raritäten einige Seltsamkeiten, die man mit Staunen zur Kenntnis nimmt. Da ist die Winzigkeit des Kyrie KV. 322, sozusagen eine Mozart-Briefmarke ohne Zacken, von Frau Constanze aus dem Nachlaß hervorgekramt und von Abbé Stadler ergänzt, um veröffentlicht zu werden. Man wird man überrascht von den "Drei geistlichen Hymnen", die Mozart aus Chören seiner Schauspielmusik zu "Thamos, König von Ägypten" gebastelt hat. Das unselige Drama des Freiherrn von Gebler wollte in Wien kein sterbliches Auge sehen. Mozarts Kompositionen hatten sich demnach, sehr zu Unrecht, als Wegwerf-Musiken qualifiziert.
Als Rettungsanker vor dem Papierkorb erwies sich das Umfunktionieren zur Geistlichkeit. Man unterschob Mozarts Musik neue lateinische Texte. Das bremste glücklicherweise nicht ihren Elan. Wie weit Mozart an dieser Neu-Textierung beteiligt war, ist unbekannt. Obwohl für Aufführungen in der Kirche gedacht, läßt sich ihr weltlicher Ursprung durchaus nicht verbergen. Ihnen gibt Daniel Reuss erfreulich viel Schwung: eine strahlende Intensität, die dem Chor gut zupaß kommt. Am Schluß des Konzerts steht eine "Litanei" aus der frühen Salzburger Zeit.
Die "Litanei" fügt sich den Konventionen. Sie setzt auf vokalen Zierat im italienischen Stil. Man hört sie mit Gefallen, aber stärkeren Eindruck hinterläßt sie nicht.
RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
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