RIAS Kammerchor mit Herbert Froitzheim, 1949
von Hababuk Traber
Was als Nachteil erscheint, kann sich zum Vorzug wenden. Im Rückblick erweist es sich als gut, dass sich der Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins (RIAS) vor sechzig Jahren nicht zur Gründung eines großen Rundfunkchors entscheiden konnte, sondern nur eine „kleine Lösung“ wählte. Damit war der RIAS Kammerchor, seit 15. Oktober 1948 eine feste Einrichtung, unter seinesgleichen ein kompletter Außenseiter. Andere Radiosender, auch die im Osten Berlins, beschäftigten zum Teil eine sängerische Hundertschaft, der RIAS Kammerchor musste sich mit einem Drittel dieser Teamstärke begnügen. Damals mochte man das vielfach als Mangel empfunden haben. Als Ideal galten – bei Laien wie bei Profis – die großen Chöre, die auch durch ihre Klangmacht beeindrucken konnten. Das war nicht nur hierzulande so. Doch irgendwann, ungefähr nach einem Drittel des geschichtlichen Weges, den der RIAS Kammerchor bisher zurücklegte, wandelten sich die Auffassungen. Die historische Aufführungspraxis, nicht der Idee, aber der ästhetischen Konsequenz nach neu, opponierte gegen die monumentale Überformung Alter Musik bei Bach und anderen Meistern der vorklassischen Epochen. Sie traf sich dabei mit Tendenzen in der neuen Musik, die klaren Klang, transparente Strukturen (gerade wegen ihrer Komplexität), sichere Intonation – und häufig eine Klangform wollten, die aus der Bedeutung und dem Engagement jeder und jedes Einzelnen ihre (Überzeugungs-)Kraft gewinnt. Musik sollte nicht nur beeindrucken, sie sollte sprechen und zum Hineindenken verlocken.
Stilwandel
Für den Stilwandel, der sich nach und nach (keineswegs abrupt) vollzog, war der RIAS Kammerchor besser vorbereitet als die meisten größeren Geschwister an anderen Rundfunkanstalten. Gewiss, wie alle anderen hatten auch die Westberliner Chorprofis am chorsymphonischen Repertoire mitzuwirken, meist war dazu Verstärkung nötig. Sie machten sich einen Namen mit Uraufführungen aktueller Musik, überhaupt mit der Musik des 20. Jahrhunderts. Beides gehörte zum Kerngeschäft deutscher Rundfunk-Vokalensembles. Aber seit den ersten Jahren existiert eine große, regelmäßig anwachsende Zahl von Bach-Kantaten, die für den Rundfunk aufgenommen wurden. Herbert Froitzheim und Günther Arndt, die beiden ersten verantwortlichen Dirigenten des Chores, leiteten sie, auch Karl Ristenpart. Sein interpretatorisch oft wegweisender Beitrag zum musikkulturellen Profil des Westberliner Senders wird leider häufig übergangen. Ein regelmäßiger Beteiligter jener ersten Aufzeichnungen war der junge Dietrich Fischer-Dieskau.
Zwischen den Bach-Interpretationen der frühen Jahre und denen eines Marcus Creed, René Jacobs oder Philippe Herreweghe liegen Welten, sie lassen sich kaum vergleichen. Doch im Unterschied der Klangbilder offenbart sich ein Wandel des Zeitgeistes. Die Geschichte des RIAS Kammerchors ist auch eine Rezeptionsgeschichte alter Musik (von der Renaissance bis zur Romantik), eine Geschichte des Verhältnisses von Chorkultur und Moderne, und eine Geschichte des Wandels von Medien und Öffentlichkeit. Der RIAS Kammerchor begann als Rundfunkchor ohne Live-Auftritte in Eigenregie. Er ist heute ein Konzertchor mit internationaler Präsenz, und mit einer eigenen Berliner Konzertreihe als Kern- und Brennpunkt der Arbeit.
Weichen gestellt: Uwe Gronostay
Der Wandel ist das Ergebnis eines langen Prozesses. Die entscheidenden Weichen stellte Uwe Gronostay, der den RIAS Kammerchor von 1972 bis 1986 leitete. Er kam mit dem Ideal eines transparenten, homogenen Klangs, mit einem ausgesprochen klaren Kammerchorideal nach Berlin. Er verwirklichte es mit der Geduld und Zielstrebigkeit eines Musikers, der weiss, dass nachhaltige Veränderungen ihre Zeit brauchen. In Perfektion und ungetrübter Intonation nahm er sich ein Vorbild an Eric Ericson und seiner Arbeit mit dem Schwedischen Rundfunkchor. Mit eigenständigen Programmen und mit der Einrichtung regelmäßiger Neujahrskonzerte legte er die Grundlage für die Reihe von Abonnementskonzerten, mit Gastspielen in Frankreich, Skandinavien und in Polen schuf er die Basis für die umfangreichen internationalen Aktivitäten des Chores. Ur- und Erstaufführungen von Boris Blacher, Mauricio Kagel, Milko Kelemen, Ernst Krenek Witold Lutoslawski, Krzysztof Penderecki und Aribert Reimann festigten den Ruf des Chores als kompetentes Ensemble für die Aufführung anspruchsvoller Gegenwartsmusik. Mit der Initiative für ein Treffen europäischer Profichöre verwirklichte Gronostay 1978 den Gedanken einer netzwerkartigen Verbindung, die vor allem dem künstlerischen Austausch und dadurch der gegenseitigen Qualitätsförderung dienen sollte. Mit den TENSO Days nahm der RIAS Kammerchor diese Idee unter Daniel Reuss wieder auf.
Profil geschärft: Marcus Creed
Auf der Grundlage, die Gronostay geschaffen hatte, schärfte Marcus Creed, Chefdirigent von 1986 bis 2001, das Profil des Chores. Ihm gelang etwa mit der ersten Maßstab setzenden Gesamtaufführung von Ernst Kreneks Lamentationes eine Pionierleistung; das Exilwerk des gebürtigen Wieners galt bis dahin als unaufführbar. Creed formte den RIAS Kammerchor zu einem weltweit führenden Ensemble in der historischen Aufführungspraxis, mit dem auch Musiker wie Philippe Herreweghe und René Jacobs die regelmäßige Zusammenarbeit suchten. Mit seinem Team installierte er 1988 die Reihe der Abonnementskonzerte, die heute aus dem hauptstädtischen Kulturfahrplan nicht mehr wegzudenken sind. Mit der Schärfung der Außenprofile (Alte und Neue Musik) verband Creed auch eine neue Sicht auf die historische Mitte, auf das Repertoire der Romantik. Die Schubert- und Brahms-Aufnahmen, die er mit dem RIAS Kammerchor einspielte, bieten Musterbeispiele einer poetischen, luziden Romantik: große Chormusik, kammermusikalisch durchleuchtet.
Daniel Reuss wollte in seiner Arbeit die rhetorische Differenziertheit, die den Chor auszeichnet, durch eine stärkere Körperpräsenz des Klangs ergänzen. Er stieß Projekte an, in denen Spezialisten Alter und Neuer Musik gemeinsam mit dem RIAS Kammerchor neue Möglichkeiten und neue Räume für chorisches Musizieren erkundeten.
Zukunft im Blick: Hans-Christoph Rademann
Mit Hans-Christoph Rademann gewann der RIAS Kammerchor einen Künstlerischen Leiter, der das Idealprofil eines Chefdirigenten mitbringt. Mit historischer Aufführungspraxis, mit neu entdeckten Werken aus der Dresdener Chortradition – lange vergessenen Kostbarkeiten – ließ er als junger Dirigent aufhorchen. Für seine Interpretationen romantischer Chorliteratur wurde er mehrfach ausgezeichnet. Die überzeugende, begeisternde Darstellung aktueller Musik sieht er als wesentliche Herausforderung an seine Arbeit: ein Musiker, der auf allen wesentlichen Gebieten Maßstäbe Setzendes geleistet hat. Seine Programme bringen die künstlerische Vielseitigkeit und die Klangvielfalt des Chores zur Geltung. „Meine Grundidee von einem Chor ist, dass er Farben wie ein Orchester hat, und dass man mit einem A-cappella-Chor auch orchestrale Farben entfalten kann.“ Mit Hans-Christoph Rademann feiert der RIAS Kammerchor im Oktober sechzig Jahre dynamische Entwicklung – und den Ausblick auf eine ebensolche Zukunft.